Interview mit Jochen Trus

Seit über 30 Jahren Radiomoderator in Berlin. Hören konnte man ihn in den Stationen als Morgenmoderator bei Radio Energy Berlin, Morningshow-Sidekick und Drivetime-Moderator bei 104.6 RTL Berlin, er war sechs Jahre als Morningshow-Moderator bei 94.3 rs2 und seit 2004 hört man ihn von 05.00 Uhr bis 10.00 Uhr bei 105 5 Spreeradio. Er ist Träger des Deutschen Radiopreises in der Kategorie beste Moderation.

Ich freue mich, dass sich Jochen Trus nun selbst einmal interviewen läßt:

 

Herr Trus, ich muß gestehen, Sie sind die einzige männliche Stimme bei mir morgens im Bad. Sie informieren, Sie bringen mich zum Lachen, Sie sind erfrischend und Sie haben den nötigen Respekt, wenn es mal ernst sein muss. Haben Sie schon mal verschlafen?

Zunächst vielen Dank, dass ich jeden Morgen in Ihrem Badezimmer sein darf. Das weiß ich sehr zu schätzen. Dafür stehe ich auf. Um Menschen in den Tag zu bringen. An allen guten, aber auch an den schweren Tagen. Verschlafen habe ich seit Jahren nicht mehr. Egal wie lang, kurz, oder in welchem Zustand ich (ein)schlafe, zur Sendung schaffe ich es immer.

 

Ich hab einen heiden Respekt davor, wenn Medienmacher - es gehören ja auch die schreibende Zunft, die Techniker, TV, Radio und alle dazu - so früh aufstehen und online sind - so früh arbeiten. Denn der Tag ist ja nicht einfach nach der Sendung zuende für Sie. Und bei einem 8-Stunden-Tag bleibt es ja in diesen Zeiten sowieso nicht. Wie verläuft der Radio-Tag denn?

Unsere Tage beginnen, wenn die meisten Berliner noch schlafen. Ich persönlich liebe die Ruhe am frühen Morgen, die Klarheit und Frische, die man nur hat, wenn Stress und Lärm noch abwesend sind. Und eigentlich ist frühmorgens ja nur das andere Ende der Nacht. Ich sehe 230 Sonnenaufgänge im Jahr. Auch nicht so schlecht. Natürlich hilft es auch zu wissen, dass die Kollegen am Start sind. Während der Live-Sendestunden muss man zwingend sehr fokussiert sein. Die Beschreibung der Sendung lasse ich mal weg, die kann man ja hören. Nach der Sendung gibt es eine Redaktionskonferenz, in der wir Themen für die nächsten Sendung besprechen. Wir erstellen Sendepläne, führen Interviews, schicken Reporter los. Im Verlauf des Tages werden dann die einzelnen Bits geschrieben und bearbeitet. Ich bin in der Regel gegen Mittag mit der Arbeit durch, aber natürlich rund um die Uhr erreichbar, wenn sich neue Dinge ergeben, die wir in der Sendung abbilden möchten. In den 13 Jahren, in denen ich nicht nur moderiert habe, sondern zusätzlich auch als Programmdirektor tätig war, waren meine Arbeitstage wesentlich länger.

 

Jetzt in Corona-Zeiten haben Sie ja quasi gar keine Interviewgäste mehr im Studio. Sie machen Ihre Aufzeichnungen via Zoom oder Telefon. Ist dadurch der Abstand zu Ihrem Interviewgast größer und das Gespräch schwieriger geworden?

Natürlich ist es immer schön, Gesprächspartner im Studio zu haben. Notwendig ist es aber nicht. Manchmal wird ein Gespräch gerade dadurch intimer, dass ich einen Gast nur höre und alleine durch die Stimme eine besondere Atmosphäre herstellen kann. Ohne durch Visuelles abgelenkt zu sein.

 

Manchmal ist es ja in der Tat ein Vorteil, wenn man die Menschen im Telefongespräch hat. Fehlt Ihnen nicht doch auch die Mimik, Zeit für das Vorgespräch und der Austausch nach dem Interview?

Nein, im Radio benötigen wir keine Bilder. Unsere Tätigkeit besteht eher darin, Bilder in den Köpfen der Hörer entstehen zu lassen. Das ist doch das Wunderbare an Live Radio. In jedem Hörerkopf entsteht ein eigenes Bild.

 

Direkt gefragt: Sind Frauen bessere Interviewpartner als Männer für Sie?

Frauen sind auf jeden Fall grundsätzlich emotionaler und diesbezüglich mutiger als Männer. Sie zeigen in Interviews eher die existentiellen Gefühle wie Liebe, Freude oder Trauer. Daher ist es oft leichter, mit Frauen emotionale Radiostücke zu machen. Allerdings, zur Ehrenrettung der Männer: Auch ein totmüder Hausmeister, der die Zähne nicht auseinander kriegt, kann verdammt unterhaltsam sein.

 

Wie gehen Sie in der Redaktion und künftig auch onAir mit der Gendersprache um?

Ich halte es für notwendig, Themen wie Gewalt gegen Frauen, ungerechte Bezahlung oder auch das Ausgrenzen von Minderheiten konkret und beharrlich zu thematisieren. Diskriminierung müssen wir überall klar benennen, wo sie passiert.

Nur befürchte ich, dass der Effekt von Gendersprache überschätzt wird, wenn es darum geht, Diskriminierung zu beseitigen. Es ist wichtig, mit Sprache sorgfältig und bewußt umzugehen. Und naturgemäß befindet sie sich in einem ständigen Wandel. Die Diskussion ist daher grundsätzlich berechtigt, denn Sprache kann sehr verletzend sein, auch unabsichtlich.

Wer will, soll gendern! Was ich allerdings so gar nicht brauche, ist die totalitäre Sprachpolizei. Die sich paradoxerweise dort zusammenfindet, wo vorgeblich für Meinungsfreiheit geworben wird. Meine eigene, bescheidene Wahrnehmung ist, dass es mir in all den Jahren auch ohne Gendersprache gelungen ist, allen Spreeradio Hörenden ungeachtet von Geschlecht oder Herkunft gleichermaßen respektvoll zu begegnen. Gerecht handeln erscheint mir nötiger als pseudo-gerecht sprechen. Grundsätzlich muss mal der Druck raus aus dieser Diskussion. Sie merken schon, ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand sagt, was ich wie zu sagen habe.

 

Wenn Sie so viele Stunden moderiert haben, danach noch Sitzungen leiten, die Redaktionsarbeit für den nächsten Morgen erledigen - sind Sie dann froh, wenn Sie Ruhe haben und keiner mit Ihnen redet?

Aber ja! Meine Frau sagt immer, ich sei ein introvertierter Mensch in einem extrovertierten Geschäft. Ich denke, damit hat sie Recht. Nach der Sendung habe ich mein Pulver verschossen und muss nicht mehr reden.

 

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich liebe Musik. Und mich damit zu befassen. Wie auch mit Literatur und anderen Kunstformen. Gehört ja doch alles zusammen am Ende. Dafür nehme ich mir Zeit. Ansonsten versuche ich mit Rennradfahren, schwimmen und  Krafttraining meine Ausschweifungen zu kompensieren. Und ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie, fahre die beiden Kids täglich durch die Stadt. Zum Fußball, zum Tanzen und zum Was-auch-immer.

Und bevor das jetzt alles zu vernünftig klingt: Was mir in Corona Zeiten sehr fehlt, sind durchgefeierte Nächte in schönen Städten, mit guten Bands und allem was dazugehört. It´s only Rock´n´Roll......

 

Wen würden Sie gerne interviewen, der noch nicht vor Ihrem Mikro war?

Jeden, der etwas Relevantes zu sagen hat.

 

Danke für das Gespräch!

 

Das Interview hat Marion Uhrig-Lammersen geführt